Grundregeln zur Nachhilfe (Erklären & Lehren)

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Teaching English as a foreign language
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rotdohrn
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Grundregeln zur Nachhilfe (Erklären & Lehren)

Beitrag von rotdohrn »

Hallo all den Englisch-Liebhabern,

dies ist mein erster Eintrag und ich hoffe ich blamier' mich jetzt nicht :wink:

Da ich keinen passenden Eintrag zu dem Thema gefunden habe, frag' ich jetzt einfach mal nach...
Ich bin freiberufliche Übersetzerin für Englisch und Französisch > kann also doch 'n bissel Englisch und wurde daraufhin gebeten, einem Jungen aus der Nachbarschaft Nachhilfe in Englisch zu geben. Das Problem ist, dass für mich die Sprache einfach "selbstverständlich" ist. Ich weiß, so ist die Satzstellung richtig, so wird das Verb konjugiert,... Allerdings habe ich starke Probleme, mich in die "Lernphase" (also die Situation meines Schülers) zurück zu versetzen.

Gibt es irgendwelche Grundregeln, die man beim "Erklären" oder "Lehren" beachten kann? Kennt Ihr Internetseiten oder evtl. auch andere Foren, wo man sich Tipps oder Ratschläge holen kann?

Ich möchte jetzt keine Diskussion nach dem Motto "Wenn Du zu blöd bist zum Erklären, dann lass es!" anregen (zum Erklären war ich nämlich schon immer zu doof :wink: - was man aber hoffentlich noch lernen kann), allerdings würde ich dem Jungen gern helfen.


Vielen Dank für Eure Hilfe!

P.S.: Mein Schüler kommt in die 6. Klasse einer evangelischen Mittelschule und scheint arge Probleme mit (auswendig) Lernen zu haben. Er scheint mir auch nicht sonderlich interessiert...




Teeblatt
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Beitrag von Teeblatt »

Es gibt durchaus auch andere Foren und Internetseiten, die weiterhelfen können. Am besten googlest Du ein wenig herum.

Falls Du wissen möchtest, wie das mit dem Lernen war, dann versuch doch eine Dir unbekannte Sprache über's Internet zu lernen. Ich taste mich gerade ans Russische ran und glaube mir, ich weiß wieder, wie man sich als Lernende fühlt. :jo:

Das "Problem" ist, dass jeder Mensch anders ist. Es gibt deshalb, meines Erachtens nach keine Patentlösung um jemandem etwas beizubringen. Bei meinen Schülern versuche ich sie dort "abzuholen", wo sie sich jeweils befinden. Mit anderen Worten, versuch herauszufinden, ob er besser akustisch oder eher visuell lernt. Kann sein, dass er sich die Vokabeln auf dem Papier nur schlecht, gesprochen aber prima merken kann.

Ich versuche auch möglichst viel von den Hobbys mit reinzunehmen. Mag er Tiere, dann verwende Texte über Tiere, mag er Maschinen, verwende Beispiele aus der Technik. Ist er sportlich und es steht ein Garten zur Verfügung, dann baue Bewegungen mit in das Lernprogramm mit ein.

Ich versuche die Eltern mit einzubinden. Wenn er Actionfilme mag, können sie den neusten James Bond mit der englischen DVD Spur laufen lassen. Ich ermutige sie, sich von ihm erklären zu lassen, was ich ihm gerade beigebracht habe. So vertieft er es und hat gleichzeitig das befriedigende Gefühl, seinen Eltern etwas beibringen zu können.

Ich versuche auch die Schüler möglichst weit bei Entscheidungen mit einzubeziehen ("Möchtest Du nächste Woche lieber die Adverben üben oder sollen wir nochmal die Zeiten durchgehen?"). Frag ihn, wofür man seiner Meinung nach Englisch alles brauchen kann (mögliche Antworten nach dem ersten "für garnichts" sind oft: Internet, Computerspiele, Auslandsaufenthalte, ausländische Kunden, Reisen, größere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, die Möglichkeit im Ausland Arbeit zu suchen, etc.). Auf lange Sicht taugt Nachhilfe nur, wenn er gewillt ist mitzuziehen. Aber die meisten Kinder sind durchaus gewillt zu lernen, wenn sie wissen wofür.

Ich lobe, lobe, lobe! Es ist erstaunlich was Kinder alles begreifen, wenn sie nur das Gefühl bekommen, dass sie schlau genug sind es zu begreifen. Oft (nicht immer) ist es der Mangel an Lob und Geduld der Lehrer in den zu großen Klassen, die Kinder aufgeben lässt. Führ Situationen, in denen Du loben kannst, bewußt herbei. Baue z.B. Dinge, die er begriffen hat, auch später immer wieder mal mit ein. So verlernt er es nicht und es gibt enormen Aufwind, wenn er an einer Sache festhängt, wenn er sieht, dass er eine andere Sache begriffen hat. Falls irgend möglich, versuche seinem Englischunterricht ein klein wenig voraus zu kommen. Wenn der Lehrer/ die Lehrerin dann etwas Neues erklärt, weiß er schon grob um was es geht und kann ggf. etwas im Unterricht glänzen. Nur wenige Kinder bleiben unmotiviert, wenn sie Erfolgserlebnisse haben.

Last but not least: Abwechslung, Abwechslung, Abwechslung! Lass ihn lesen, lass ihn zuhören, mach Lückentexte, Bilderrätsel, lass ihn viel erzählen und versuche ruhig Englisch in den "Alltag" einzubauen. Mit einer Nachhilfeschülerin habe ich (zusätzlich zu den regulären Stunden) auf gemeinsamen Ausritten Englisch gesprochen, mit einer anderen beim Einkauf.

Ich hoffe das hilft Dir ein wenig weiter. Bei meinen Schülern hat's bisher geklappt, aber wie gesagt, jeder Mensch ist anders.

rotdohrn
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Beitrag von rotdohrn »

Vielen lieben Dank für die wertvollen Tipps an Teeblatt. :mrgreen:
Das hat mir wirklich sehr geholfen.
Heute ist wieder eine Stunde dran, da werde ich mal eine kleine Fragerunde starten, wie er denn überhaupt zu Englisch steht,... Eine zweite Fremdsprache (Französisch) hat er nämlich in der Schule zugunsten "soziale Diakonie" (was auch immer dort gelehrt wird?!) abgewählt. Von daher wird er ansich nicht groß in Sprachen interessiert sein - Da wird sicherlich noch mal ein Gespräch mit seinen Eltern fällig, ob die Nachhilfe Sinn macht. Er redet sich nämlich auch gern mal raus, dass es heute nicht klappt, weil ... und nächste Woche passt auch nicht, weil ... - und Vati weiß nichts davon - kleines Schlitzohr das. Aber da muss ich mich mal vorsichtig rantasten - vielleicht kann man ihm ja doch etwas Interesse und Gefallen entlocken :wink:

Otra vez: ¡Muchas gracias!

6stringsteve
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Beitrag von 6stringsteve »

Moin!

Das Problem kenne ich von Schülern, die nicht sonderlich sprachbegabt sind, auch. Ich bin irgendwann dazu übergegangen, mir eigene worksheets zu entwerfen. Bei den tenses z.B. nehme ich maximal zwei (present tense und present progressive oder past tense und present perfect), schreibe oben die Anwendungen und wie sie gebildet werden und danach ca. 10 - 12 Beispielsätze.
Genauso verfahre ich bei passive voice, reported speech, adverbs usw. So kann ich den Schülern in kleinen Happen die Grammatik näher bringen. Man darf allerdings nie vergessen, dass manche Menschen für Fremdsprachen nicht geschaffen sind. Ein solches Verdikt kann man allerdings erst frühestens nach einem halben Jahr fällen. Manche brauchen auch einfach nur länger als andere, bis der Groschen fällt. Recht erfolgreich sind auch Witze oder lustige Zitate, die zum jeweiligen Thema passen.
Ich hoffe, ich konnte dir und deinem Schüler mit den Tipps helfen.

Liebe Grüße Steve

guest
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Beitrag von guest »

Hallo! :D

Hast du dich inzwischen mit dem Jungen getroffen?
In den ersten Nachhilfestunden (auch in der ersten Stunde nach den Ferien) lasse ich meine Schüler ein bisschen über ihren Unterricht erzählen - was sie bis jetzt gemacht haben, worüber sie derzeit sprechen, wo es Probleme gibt und was sie gerne gemacht haben. Dadurch bekommst du schon mal einen Überblick darüber, wie sehr der Junge im Unterricht dabei ist. Danach wiederhole ich immer ein paar Aufgaben, die sie in der Schule schon gemacht haben - schaue, ob der Stoff sitzt und ob sie sich noch erinnern.

Und DANN kann ich sie in etwa einschätzen - für den Anfang, du musst natürlich auch auf die weitere Entwicklung sehr gut achtgeben. :wink:
Wie schon erwähnt wurde, ist jeder Schüler anders, hat unterschiedliche Stärken und Schwächen, ist unterschiedlich schwer oder leicht einzuschätzen. Aber das stellt man sich schwerer vor als es ist. Wer im Englischen drin ist und eine gute Menschenkenntnis besitzt, kriegt das hin.

Wichtig ist auch: Konzentriere dich auf Schwächen UND Stärken. So wird es dir auch gelingen, ihm Spaß an der Sprache nahezubringen.

Viel Erfolg beim ersten Schüler :wink:

maureencc
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Beitrag von maureencc »

@Steve,

Sorry, aber da bin ich anderer Meinung. Eine Fremdsprache ist nichts anderes als eine Muttersprache, nur dass man erst später damit konfrontiert wird. Und da hat doch niemand mit dem Erlernen der Muttersprache große Probleme gehabt, oder? Und da meine ich wiederum nicht die Rechtschriebung und Grammatik, nicht einmal "Queen's English" oder "Hochdeutsch", sondern das Verstehen und Sich-Verständigen. Natürlich ist das Gehirn leider nur in den ersten Lebensjahren optimal für das Erlernen einer Sprache programmiert und deswegen geht es etwas langsamer bei den Fremdsprachen - um so mehr Grund, dass Kinder schon im Kindergarten eine neue Sprache lernen.

Teeblatt hat's richtig erfasst und dargestellt. Jeder Mensch lernt anders, ob visuell, auditiv, über die Motorik oder taktil. Leider lernen viele Kinder nur gut, wenn sie selbst be-greifen dürfen - sprich - learning by doing. Jede/r, der/die 6 Monate in einem anderen Land lebt und gezwungen ist, die "Fremd"Sprache zu sprechen, lernt sie auch.

In traditionellen Schulen wird gerne (immer noch) frontal unterrichtet, da wird "gelabert" und vom Buch gelesen. Die Kinder, die so nicht lernen können, haben gelitten. Eine Nachhilfe-Lehrkraft kann aber das Kind dort abholen, wo es sich befindet und durch Beobachtung und Gespräch feststellen, wie es am Besten lernt.

Ich habe mit Spaß und Lob und "alternativen Methoden" viele Kindern zu besseren Noten geholfen. Manche davon waren von den Lehrkräften "aufgegeben" worden.

Also, kein Kind abweisen! Sondern zeigen, dass es Spaß macht, in einer anderen Sprache zu spielen, zu basteln und zu lernen. Die Kinder, die unregelmäßige Verben mit Knete oder in Rasierschaum schreiben dürfen, vergessen sie nie! Und Vokabeln in einer Quatschgeschichte einpacken, bedeutet, sie entsprechend in der Quatschgeschichte wieder abrufen können. Und natürlich darf man dabei herzlich lachen. Wer Spaß hat und motiviert arbeitet, lernt besser und schreibt bessere Noten. Und übrigens - ich belohne gute Leistungen auch, manchmal gibt es Törtchen oder etwas zum Schnackeln - aber nicht immer! Allerdings steht immer Wasser auf dem Tisch, denn wer viel Energie beim Lernen verbraucht, braucht viel Energie förderndes Wasser zum Trinken.

Und wenn die Luft raus ist, Pause machen. Fenster öffnen. Sich bewegen - denn Bewegung ist das Tor zum Lernen. Vielleicht eine Mandala malen - fördert die Aufmerksamkeit.

Und bitte bitte keine sinnlosen Vokabellisten auswendig lernen lassen! - Zeitverschwendung. Ohne Bezug sind die erlernten Vokabeln nach 2/3 Tagen wieder weg. Lieber in Sätzen einpacken oder Bilder dazu malen, ein Memory-Spiel dazu basteln - dann bleiben sie eher im Langzeitgedächtnis und alle haben außerdem Spaß gehabt.

Das musste ich los werden, bevor ich ins Bett gehe!

Allen angehenden Nachhilfelehrkräften - nur Mut! Und viel Erfolg!

Maureencc
Carpe diem - nutze den Tag

guest
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Beitrag von guest »

@maureencc:

Deine Denkanstöße finde ich toll! :D
Falls du je ein eigenes Konzept aufgestellt und schriftlich festgehalten haben solltest: Nur her damit!

Was ich bei meinen Nachhilfeschülern als Problem festgestellt habe, sind die Eltern: Die verstehen in der Regel nicht, dass es sich absolut nicht lohnt, mit dem Kind einfach Grammatikregeln zu pauken und dass zum Englischsprechen ganz andere Übungen wichtig sind. Viele verlangen von mir auch einfach, dass ich ihre Tochter gut auf die Arbeit vorbereite, wenn die Arbeit dann geschrieben ist, wird mit dem Nachhilfeunterricht Pause gemacht bis zur nächsten anstehenden Arbeit. Und ich sehe jetzt schon, dass sich bei vor allem einem Mädchen ziemliche Probleme im mündlichen Bereich anbahnen: Sie ist still, hat Schwierigkeiten mit der Aussprache und kaum Textverständnis. Mit ihr müsste ich so viel wie möglich English sprechen, Texte lesen (von denen es ja auch genug sinnvolle im Netz gibt) und mich mit ihr darüber unterhalten. Das ist meiner Meinung nach am wichtigsten: Spaß daran zu bekommen, sich in der fremden Sprache auszudrücken und sie zu verstehen.
Aber wie kann man das den Eltern erklären?? :|

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