Sprachen erlernen

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Nikolai
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Sprachen erlernen

Beitrag von Nikolai »

Ich habe mal ne Frage.

Babys lernen doch ganz unbewusst eine Sprache durch Hören. Würde man eine Sprache allmählich lernen, wenn man sich nicht bewusst anstrengt Vokabeln und Grammatik zu pauken, sondern man einfach in der Umgebung rund um die Uhr mit dieser Sprache beschallt wird?
Ich habe einen russland-deutschen Freund, der mit 7 Jahren nach Deutschland kam und kein Wort Deutsch konnte. Er spricht wie ein Muttersprachler und hat mir gesagt, dass er Deutsch über das Fernsehen gelernt hat, indem er das einfach gehört hat und deutsche Grammatikregeln kennt er überhaupt nicht.
Funktioniert das nur bis zu einem bestimmten Alter oder geht das bis zu einem bestimmten Grad auch noch als Jugendlicher oder Erwachsener? Wieso funktioniert das als Erwachsener nicht so gut?
wie stellt überhaupt das Gehirn die richtigen Verknüpfungen her? Bei konkreten Begriffen kann ich es mir noch vorstellen, z.B. wenn die Erwachsenen über einen Baum reden und dabei einen Baum betrachten, aber wie funktioniert das mit abstrakten Begriffen wie "heimlich"?
Wie erkennt das Gehirn eines Babys oder Kleinkindes, was "heimlich" ist, wenn jemand von "heimlich" redet?




tiorthan
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Re: Sprachen erlernen

Beitrag von tiorthan »

Man geht heute allgemein davon aus, dass ein durchschnittlicher Mensch bis zum Alter von 6 Jahren in der Lage ist ohne Anleitung eine Sprache vollständig als Muttersprache zu erlenen. Die Fähigkeit geht allerdings nicht verloren, sie wird nur durch neue Fähigkeiten "überdeckt". Diese Überdeckung besteht darin, dass das Gehirn anfängt aus den gelernten Strukturen feste Muster zu bilden. Das dauert natürlich sehr lange und wenn man mit 7 Jahren beginnt eine neue Sprache zu lernen, dann ist später nur für absolute Experten ein Unterschied ermittelbar.

Bis zum sechsten Lebensjahr entwickeln sich viele Denkprozesse im Gehirn, wodurch nach und nach die Fähigkeit entsteht sich verschiedener Konzepte der Sprache bewusst zu werden. Dadurch wird die Sprache praktisch automatisch immer Schritt für Schritt erlernt. Auch wenn man später beginnt eine Sprache zu lernen sind diese Konzepte noch in unterschiedlichem Maß gefestigt und es entsteht eine ähnliche Lernreihenfolge. Darunter fallen auch die "abstrakten" Dinge. Wenn das Gehirn nach und nach in der Lage ist abstrakte Dinge zu erkennen, dann erkennt es solche auch in der Sprache wieder (die Wörter selbst sind oft lange vorher unbewusst vorhanden).

Aber auch ein Erwachsener kann eine Sprache ohne explizite Anleitung lernen. Im Gegensatz zu einem Kind, dass einen eingebauten "Konzeptfilter" hat, muss man für einen Erwachsenen aber das Lehrmaterial entsprechend aufbereiten, so dass er den Konzepten nach und nach ausgesetzt wird. In einem Experiment, das vor geraume Zeit mit einer Kunstsprache durchgeführt wurde, konnte man sogar nachweisen, dass es auf diese Art möglich ist, dass eine solcherart gelernte Sprache im Gehirn genauso verarbeitet wird, wie die Muttersprache. (Man kann anhand der Gehirnaktivität feststellen, ob jemand seine Muttersprache oder eine Zweitsprache benutzen muss.)
You're never too old to learn something stupid.
MistakeSuggestionYou sure that's right?

Nikolai
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Re: Sprachen erlernen

Beitrag von Nikolai »

tiorthan hat geschrieben: Aber auch ein Erwachsener kann eine Sprache ohne explizite Anleitung lernen. Im Gegensatz zu einem Kind, dass einen eingebauten "Konzeptfilter" hat, muss man für einen Erwachsenen aber das Lehrmaterial entsprechend aufbereiten, so dass er den Konzepten nach und nach ausgesetzt wird.
Was filtert der Filter denn und wie bereitet man das Material auf?
In einem Experiment, das vor geraume Zeit mit einer Kunstsprache durchgeführt wurde, konnte man sogar nachweisen, dass es auf diese Art möglich ist, dass eine solcherart gelernte Sprache im Gehirn genauso verarbeitet wird, wie die Muttersprache. (Man kann anhand der Gehirnaktivität feststellen, ob jemand seine Muttersprache oder eine Zweitsprache benutzen muss.)
Hast du eine Quelle zum Experiment?

Kann man denn nicht diese Fähigkeit ausnutzen, um Konzepte zu entwickeln mit denen man sich effektiver und schneller eine Fremdsprache aneignen kann als wie man es in der Schule macht?

Ich würde gerne Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch sprechen, weil ich mich für andere Kulturen interessiere und ich denke man hat einen besseren Zugang zu Kulturen, wenn man Fremdsprachen spricht, aber ich habe leider schon mit Englisch Probleme.
Ich habe jedenfalls das Gefühl, dass ich im Bereich Sprachen länger brauche als andere.
Ich war 11 als ich zum ersten Mal mit einer Fremdsprache konfrontiert wurde und habe mich von Beginn an schwer getan.
Zum Beispiel lernt man ziemlich früh, dass "to like" "mögen" bedeutet. Dann gab es irgendwann Sätze wie
"You are a smart guy like Einstein" und schon war ich verwirrt.
"Du bis ein kluger Typ magst Einstein" "???"
Sowas hätte ich dann dazu gedeutet, dass es ein kluger Typ ist, der Einstein mag, während ich gedacht hätte, dass "Du bist ein kluger Typ wie Einstein" auf Englisch "You are a smart guy how Einstein" heißen müsste, weil ich zuvor gelernt habe, dass "how" "wie" bedeutet. Ich kam auch nicht auf die Idee "like" in einem Wörterbuch nachzuschlagen, weil ich doch bereits gelernt habe, was like ist.
Das klingt vielleicht lächerlich, aber mit genau solchen Schwierigkeiten hatte ich es zu tun. Später wurde es etwas weniger schlimm, aber ich habe es die ganze Schulzeit über nicht geschafft mich von der "deutschen Denkweise" zu lösen.
Noch in der 12. Klasse hätte ich einen Fehler wie "I speak only German" gemacht. Mittlerweile mache ich die Position des Adverbs meistens intuitiv richtig, was schonmal ein großer Fortschritt ist.
Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass ich bereits mit meiner Muttersprache Schwierigkeiten hatte. Ich habe mein erstes Wort mit vier Jahren gesprochen und war mit 6 Jahren beim Logopäden, weil ich einige Wörter nicht richtig aussprechen konnte. Zum Beispiel habe ich "manchmal" wie "meinschmal" und "wahnsinnig" wie "waselig" ausgesprochen, zu "Kartoffeln" habe ich "Pantoffeln" gesagt und "Missgeburt" war bei mir "Mistgeburt".
auf der anderen Seite konnte ich bereits im Kindergarten rechnen und ich musste alles im Matheunterricht und in den Naturwissenschaften nur einmal hören, um es zu können. Ich habe nie für eine Matheklausur lernen müssen.
Nichtsdestotrotz beneide ich alle, die Fremdsprachen sprechen können. Ich konzentrier mich als erstes auf Englisch. Wenn das klappt, versuch ichs vielleicht doch noch mit Französisch und Spanisch. Französisch weil ich das schon in der Schule angefangen habe und Spanisch, weil es meine Lieblingssprache ist und weil ich schon oft in Peru war. Englisch hat natürlich die höchste Priorität, weil ich es für den Beruf brauchen werde.

tiorthan
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Re: Sprachen erlernen

Beitrag von tiorthan »

Nikolai hat geschrieben:
tiorthan hat geschrieben: Aber auch ein Erwachsener kann eine Sprache ohne explizite Anleitung lernen. Im Gegensatz zu einem Kind, dass einen eingebauten "Konzeptfilter" hat, muss man für einen Erwachsenen aber das Lehrmaterial entsprechend aufbereiten, so dass er den Konzepten nach und nach ausgesetzt wird.
Was filtert der Filter denn und wie bereitet man das Material auf?
Selbst einfachste Gehirne sind exzellente Mustererkenner. Deshalb ist das erste was ein Kind (sogar im Mutterleib schon) lernt, die eigene Muttersprache von Fremdsprachen zu unterscheiden. Das passiert ausschließlich am Klang. Diese erste Leistung ist aber wichtig, denn daraus ergibt sich die Fähigkeit die wichtigen Geräusche, die die Sprache bilden, von denen zu trennen, die für die Sprache unwichtig sind. Kinder können in dieser Phase bereits lexikalische Einheiten erkennen und sogar zum Teil grammatikalische Korrektheit und das alles nur anhand der Lautmuster, die für die Muttersprache typisch sind.

Der nächste Schritt ist der Erwerb der Fähigkeit Dinge zu erkennen. Babies entwickeln beispielsweise Vorlieben für bestimmte Spielzeuge, sie beginnen andere Menschen zu erkennen usw. Daraus dass der Name einer Sache oft dann genannt wird, wenn die Sache in der Nähe ist, entsteht dann die Zuordnung von Wort und Objekt. Wenig später kommt auch die Fähigkeit dazu Handlungen voneinander zu unterscheiden und damit auch die Fähigkeit diese Handlungen zu benennen. usw.

Dadurch dass bestimmte Dinge dem für das Gehirn einfach noch nicht erkennbar sind wird immer nur das gelernt, was erkannt werden kann.

Dazu kommen noch zwei andere Faktoren. Zum Einen haben Kinder einen extrem hohen Anreiz eine Sprache zu erlernen, denn ohne die Muttersprache ist die Kommunikation nicht ausreichend sichergestellt.
Der zweite Faktor ist die Korrektur. Kinder werden ständig korrigiert.

Bei Erwachsenen ist das anders. Sie müssen einen anderen Anreiz finden und sie werden selten korrigiert.

Man kann aus diesen Erkenntnissen Lernmethoden entwickeln und man hat es schon getan. Ich tue mich schwer damit diese Methoden als effektiver oder schneller zu bezeichnen, denn ob sie effektiver oder schneller sind, hängt vom Ziel ab, das man erreichen will.

Zu dieser Studie: Die Materialien zu dieser Studie habe ich leider nicht mehr. Es ist mehr als zehn Jahre her und aus dem Kopf kann ich dir das nicht heraussuchen, da ich den genauen Titel der Arbeit nicht mehr weis.
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